Begehungen 2021

Neue Einreichfrist: 16. Mai 2021


Ausschreibung

LEERZEIT

Züge fahren schon lange nicht mehr.
Güter zirkulieren anderswo,
der Bahnhof bleibt.
Er hat keine Wahl - Hatte er noch nie.
Wir verluden auf seinem Rücken Waren und uns selbst,
Nutzten den Ort als Angelpunkt zwischen hier und dort.
Transit ist ein Privileg.
Seiner Aufgabe enthoben harrt er nun aus, wartet auf Befehle,
Schreibt Leerzeiten in Produktionsnachweise, die keiner je prüfen wird.
Verdammt im ewigen Warten. Ein Nutz-Ort, ohne Sinn. Limbus.
Was bleibt?
Leerzeit.

Nun die Unzeit. Geballte, um sich greifende Sinn-Entnahme.
Verordnete Leerzeiten.
Produktion läuft weiter, Freizeit fällt aus.
Konsum ja, aber bitte leise.
#derWirtschaftgefälltdas
Umherirren im Wohnumfeld, ein Abschreiten der Stäbe.
Hinter tausend Stäben keine Welt.
Uns fehlen Züge.
Sehnsucht nach Aufbruch. 
Ohne Schienen keine Reise. Kann ja nicht alles selber machen.
Wo kommen wir denn da hin.
Flucht muss sicher sein. Zivilisation heißt Komfort.
No way: Sackgasse.

Wir versuchen Lehren aus der Leere zu ziehen.
Besinnen uns auf Basics, lernen Fingerfertigkeiten, backen Brot.
Die Wartehalle stinkt nach Sauerteig.
Kein Survival abseits der Gleise.
Ausrüstung bestellen wir trotzdem im Internet.
Seine Lagerhallen bleiben dennoch leer. Konsum füllt nicht aus.
Leere Hüllen verfallen ohne Füllung.
Trotzdem: eine Erkenntnis erwächst kollektiv:
Es ist an der Zeit, uns selbst zu retten.
Balsam für ausgelaugte Seelen.

Verantwortung trägt der Schaffner,
Mit Ticket sind wir Kunde.
Doch Züge fahren schon lange nicht mehr.
Der Bahnhof hat keine Schuld:
Er trägt uns.
Wir unterbrechen seine Leerzeit mit unserer.

Hektik. Fallen Leerzeiten ins Gewicht?
Was, wenn am Ende gerechnet wird?
Egal, das Jetzt ist sicher, das später unbestimmt.
Schulden zahlt das Zukunfts-Ich.
Heute feiern wir die Leerzeit.
Gehen in ihr auf.
Suchen gemeinsam nach Füllung, die uns Stabil macht.



Unter dem frei interpretierbaren Titel LEERZEIT rufen wir dazu auf, künstlerische Arbeiten einzureichen oder sich mit einem Konzept auf eine vierwöchige Residenz in Chemnitz zu bewerben.

Diese Ausschreibung richtet sich an sämtliche künstlerische Ausdrucksformen, die sich unter diesem Thema eine freie Auseinandersetzung vorstellen können. Alle von einer Fachjury ausgewählten Arbeiten werden in der ehemaligen Lagerhalle und ggf. im Außenbereich des Güterbahnhofs während des gesamten Festivals ausgestellt und unter hoher Medienpräsenz von einem vielfältigen Rahmenprogramm aus Musik, Lesungen und Workshops begleitet.

Bewerbungsbedingungen

Honorare und Sachmittel:

  • Künstler*innen ausgewählter Einsendungen erhalten eine Aufwandsentschädigung in Höhe von 300,00€ + Portokosten (Einsendungen).
  • Residenzkünstler*innen erhalten für eine vierwöchige Residenz eine Aufwandsentschädigung von 1300,00€ sowie ein Budget von 700,00 € für Sachmittel. An- und Abreisekosten werden erstattet sowie eine kostenfreie Unterkunft gestellt.

    Bei kürzeren Residenzzeiträumen verringert sich die Aufwandsentschädigung sowie das Budget für Sachmitteln anteilig:
    4 Wochen Residenz: 1300,00 Euro Aufwandsentschädigung / 700 Euro Sachmittelbudget
    3 Wochen Residenz: 980,00 Euro Aufwandsentschädigung / 500 Euro Sachmittelbudget
    2 Wochen Residenz: 650,00 Euro Aufwandsentschädigung / 350 Euro Sachmittelbudget
    1 Woche (Aufbauresidenz): 330,00 Euro Aufwandsentschädigung / 200 Euro Sachmittelbudget
  • Es ist auch möglich, sich mit einer Einsendung und als Artist-in-Residence zu bewerben. Dafür sind zwei getrennte Bewerbungen notwendig. Diese können aber mit einem Konto im Bewerbungsportal eingereicht werden.
  • Eine Fachjury wird über die Auswahl der Bewerbungen beraten und im Rahmen einer Jurysitzung eine Entscheidung darüber treffen.


Bewerbungsgrundlage ist:

  • das vollständig ausgefüllte Online-Formular, zu finden unter www.begehungen-chemnitz.de
  • eine Dokumentation der auszustellenden Arbeit(en) inklusive ihrer thematischen Verknüpfung zum Festival (Einsendungen)
  • eine kurze Projektskizze zu der Arbeit, die in Chemnitz entstehen soll und Bezug nimmt auf das Festivalgelände / die Ausstellungsflächen / das Thema (Residenzen)
  • ein kurzes Portfolio bisheriger Arbeiten (digital)
  • eine kurze Vita

Alle Dokumente sind im PDF-Format bereitzustellen.

Eine vierwöchige Residenz würde am 14.07.2021 beginnen.

Einsendeschluss für die Bewerbung ist der 16.05.2021, 23.59 Uhr.
Die Jurysitzung findet im Juni statt. Wir geben das Ergebnis Mitte Juni bekannt.


Hinweis bezüglich der aktuellen Lage wegen Covid-19

Selbstverständlich ist es unser größtes Anliegen unsere Künstler*innen, Helfer*innen und Besucher*innen keiner gesundheitlichen Gefährdung auszusetzen. Als Veranstalter*innen des Festivals sind wir im ständigen Kontakt mit den zuständigen Behörden. Durch die momentane Ungewissheit in Hinblick auf die kommenden Monate, insbesondere was auch die Einreisebestimmungen betrifft, können wir nicht garantieren, dass ausgewählte internationale Künstler*innen für den Zeitraum der einreisen können. Sollte es absehbar sein, dass das Festival nicht in der geplanten Form stattfinden kann, werden wir mit allen Bewerber*innen und spätestens mit den ausgewählten Künstler*innen in Kontakt treten.


Der Festivalort: Güterbahnhof Altendorf

Der ehemalige Güterbahnhof Altendorf wird die Kulisse für die BEGEHUNGEN 2021 sein.

Die Bahnstation wurde gemeinsam mit der Industriebahn Küchwald-Obergrüna 1903 in Betrieb genommen. Sie war als Drehkreuz für die im Norden der Stadt angesiedelten Fabriken von zentraler Bedeutung. Der Bahnverkehr auf dieser Strecke wurde 2003 – genau 100 Jahre nach seinem Start – endgültig eingestellt. Die Gleisanlagen sind bis auf einige Reststücke abgebaut, und nur noch wenige Fragmente erinnern an die ursprüngliche Bestimmung des Ortes. Die seit Jahren leerstehende Lagerhalle wird das Zentrum unseres diesjährigen Festivals sein.

Zunächst ein kleiner Exkurs in die Geschichte der Industriebahn: Die Fabriken der Stadt lagen weitab von den bestehenden Bahnstrecken. Selbst die Sächsische Maschinenfabrik – die Lokomotiven herstellte – musste ihre Lokomotiven mühsam mit Pferdefuhrwerken zum Chemnitzer Bahnhof transportieren. Mit dem ausgehenden 19. Jahrhundert beschloss der Sächsische Landtag daher die Errichtung einer Industriebahn, die den Chemnitzer Norden an das Bahnnetz anschloss. Die insgesamt knapp 12 Kilometer lange Strecke wurde 1903 eröffnet. Neben den beiden Anknüpfungsstellen Küchwald und Obergrüna wurden auf der Strecke insgesamt fünf Ladestellen und zahlreiche Gleisanschlüsse errichtet. Der Güterbahnhof Altendorf fungierte für die Industriebahnstrecke als Betriebsmittelpunkt. Von hier aus wurde auch über Stichgleise die Sächsische Maschinenfabrik angeschlossen. Ab 1990 ging das Güterverkehrsaufkommen stark zurück. Bis zum Jahr 2000 wurde die Strecke noch von Kohle-, Gips- und Aschezügen des Heizkraftwerks Nord genutzt. Zum 100-jährigen Bestehen der Industriebahn wurde die Strecke 2003 endgültig außer Betrieb genommen.

Seitdem wird nach neuen Perspektiven für das Areal gesucht. Seit 2015 wird mit Öffentlichkeitsbeteiligung daran gearbeitet, dass das ehemalige Bahnhofsareal in einen neuen Stadtraum gewandelt wird, der Wohnen und Erholung verbindet. Seit 2019 werden entlang der Trasse die verbliebenen Gleise demontiert und ein Erholungsradweg geplant, dessen Realisierung in diesem Jahr beginnt.

Unser Festivalzentrum – die alte Lagerhalle des Bahnhofs – ist neben dem ehemaligen Verwaltungsgebäude letzte Evidenz der Altendorfer Anlage. Bevor auch für sie das Warten auf eine neue Nutzung endet, wollen wir die Leerzeit dieses Ortes mit den diesjährigen BEGEHUNGEN unterbrechen.


Das Festival

Die Begehungen

Das Kunstfestival Begehungen findet seit 2003 in Chemnitz statt - als größtes Off-Kultur-Event der Stadt. Markenzeichen ist eine unkonventionelle und niederschwellige Herangehensweise an Kunst. Die Begehungen sind aus diesem Grund nicht nur eine temporäre Kunstausstellung, sie sind ein sozialer Treffpunkt für Menschen unterschiedlichster Prägungen. Ein umfangreiches Rahmenprogramm, bestehend aus Performances, Lesungen und Konzerten, ist ebenfalls wesentlicher Bestandteil des Festivals.

Wichtig und dem Festivalname verpflichtet ist die Tradition des jährlich wechselnden Ortes. So waren neben Mikro-Arealen auf dem Sonnenberg und dem Brühl u.a. ein ehemaliges Gefängnis, eine alte Schule, der Kulturpalast Rabenstein, eine Gartensparte und verlassene Industriegebäude Orte des Kunstfestivals.

Die Begehungen verstehen sich als inklusives und barrierearmes Festival mit umfangreichen Angeboten. Der Eintritt zu allen Programmpunkten sowie zu der Ausstellung ist frei.

Über uns

Wir haben eine gemeinsame Idee. Einer baut gern, eine redet gern. Manche entdecken gern ungenutzte Orte. Alle freuen sich auf Besuch aus anderen Ländern und auf junge Kunst.

Eine interessiert sich für Musik und Bands, einer mag Theater. Einige wollen sich am Geschehen in der Stadt beteiligen, andere nur ein schönes Wochenende haben.

Eine lötet und verkabelt, einer denkt über Chemnitz und Europa nach. Manche bringen gern Licht ins Dunkle, andere wollen Barrieren abbauen. Alle machen sich gern dreckig.

Wir möchten ein Festival für Alle. Hast Du Lust und Interesse bei uns mitzumachen? Dann zögere nicht und schreibe uns eine Mail: info [at] begehungen-chemnitz.de

Impressionen der letzten Jahre

Begehungen 2020: Entwürfnisse Ring 8

Begehungen 2019: Rausch

Begehungen 2018: Jenseits von Beeten

Begehungen 2017: Institut Potemkin

Begehungen 2016: TA Lärm

Presse

Ansprechpartnerin

Anfragen bitte an Sarah Hofmann, presse[at]begehungen-chemnitz.de